Die Fundamentalgesetze der menschlichen Dummheit
Nach: Carlo M. Cipolla, Le leggi fondamentali della stupidità umana.
in: C. M. Cipolla, Allegro ma non troppo. Bologna: il Mulino 1988.
Allegro ma non troppo – seit 2001 endlich auch auf Deutsch im Wagenbach-Verlag Berlin!
Arbeitskreis 2nd order cybernetics – jdb – 14.06.1996
Die Dummen bilden eine Gruppe, die über eine größere Macht verfügt als z. B. die Mafia oder der militärisch-industrielle Komplex, obwohl sie in keiner Weise organisiert sind. Trotzdem verhalten sie sich, als wären sie von einer unsichtbaren Hand geführt. Die folgenden Überlegungen sollen als Grundlage dafür dienen, diese Macht einzuschränken. Der erste Hauptsatz der Stultologie:
Der Anteil SIGMA der Dummen wird stets unterschätzt.
Der Beweis ergibt sich daraus, daß Menschen, die man bisher als rational eingestuft hat, sich plötzlich als dumm erweisen, und daß an Orten, die als sicher galten, plötzlich doch Dumme auftreten. SIGMA = Ndumm / Ntotal ist dabei der Anteil der Dummen in einer Gesellschaft oder Gruppe. Cipolla hält allerdings die Aussage des Alten Testaments, „stultorum numerus est infinitus“, für eine poetische Übertreibung, da die Zahl der Menschen insgesamt endlich ist.
Die Dummheit ist ausschließlich auf genetische Faktoren zurückzuführen; d. h. ein Individuum ist dumm, so wie es z. B. blonde Haare hat.
SIGMA ist unabhängig von der Gruppe, die betrachtet wird; d. h. SIGMA ist eine universelle Naturkonstante, wie etwa die Lichtgeschwindigkeit oder die Plancksche Konstante.
Dies bedeutet, daß wir nicht nur in der Gesellschaft als Ganzem einen Anteil SIGMA von Dummen erwarten müssen, sondern auch in jeder Gruppe, so etwa im Senat einer Universität oder in einer Versammlung von Nobelpreisträgern.
Damit ergibt sich
Der zweite Hauptsatz der Stultologie:
Die Wahrscheinlichkeit, daß ein bestimmte Person dumm ist, ist unabhängig von jeder anderen Eigenschaft dieser Person.
Damit ist der Einwand widerlegt, daß Cipolla etwa bestimmte Gruppen (…) diskriminiert. An dieser Stelle erscheint es notwendig, eine wissenschaftliche Charakterisierung des Begriffs der Dummheit durchzuführen. Wir betrachten den Gewinn, den ein Individuum aus einer freiwilligen Handlung erzielt, sowie den Gewinn, den andere (letztlich also die Gesellschaft) daraus ziehen. Ein negativer Gewinn bedeutet wie üblich einen Verlust. Jede Handlung läßt sich daher in folgendem Koordinaten system einordnen:
Gewinn der Gesellschaft
|
|
|
|
-----------+-----------
| Gewinn des Individuums
|
|
|
Damit läßt sich formulieren Der dritte Hauptsatz der Stultologie:
Der Dumme ist eine Person, die in ihren Handlungen anderen Schaden zufügt, ohne für sich selbst einen Gewinn zu haben, oder die sich sogar selbst Schaden zufügt.
Dieser Satz wird auch als die Goldene Regel der Stultologie bezeichnet. Wichtig ist dabei, daß die Handlungen völlig freiwillig durchgeführt werden. Dies erscheint zunächst wenig verständlich, wird aber durch viele Beobachtungen gestützt, die belegen, daß andere Personen bei uns häufig einen Verlust an Geld, Zeit, Energie, Ruhe oder gute Laune hervorrufen, ohne daß diese Personen daraus den geringsten Nutzen ziehen, oder wobei sie sich sogar selbst Schaden zufügen. Unschwer lassen sich nun die anderen möglichen menschlichen Verhaltensweisen in das Diagramm einordnen: die Intelligenten, die Altruisten und die Banditen.
Gewinn der Gesellschaft
|
|
Altruisten | Intelligente
|
-----------+----------- Gewinn des Individuums
|
Dumme | Banditen
|
|
(Anmerkung: Cipolla selbst bezeichnet die Altruisten als sprovveduti, was sich als „die Unbegabten“ übersetzen läßt. Implizit hält er also die Altruisten für unbegabt.) Mithin zeichnen sich Intelligente dadurch aus, daß sie in ihren Handlungen sowohl für sich als auch für andere einen Gewinn erwirtschaften.
Ergänzend ist zu sagen, daß die Dummen sich vorwiegend auf der negativen Ordinate des Diagramms aufhalten, wobei aber auch das Innere des III. Quadranten nicht unbesetzt bleibt. Ferner gilt, daß nicht-dumme Individuen durchaus in individuellen Handlungen den Quadranten wechseln können (z. B. vom I. in den II.), während die Dummen sich durch eine bemerkenswerte Kohärenz ihres Handelns auszeichnen.
Nun ist der Schaden, den ein Individuum anrichten kann, von seiner gesellschaft lichen Stellung abhängig. Besonders schadensträchtig ist der Anteil der Dummen unter den Verwaltungsleitern, den Generälen, den Politikern, den Staatsoberhäup tern und dem höheren Klerus.Man muß sich nun fragen, wie Dumme derartige Positionen erreichen können. Früher wurde dies durch Rassen- oder Klassenzugehörigkeit garantiert. In der Industriegesellschaft treten an die Stelle der Rassen und Klassen nun die politi schen Parteien, die Gewerkschaften, die Bürokratie und die demokratischen Insti tutionen. Insbesondere demokratische Wahlen haben sich als höchst effizient erwiesen, um den Anteil SIGMA der Dummen konstant zu halten, wählen doch die Dummen so, daß sie einen möglichst großen Schaden anrichten, ohne selbst etwas davon zu haben.
Während Intelligente und Banditen rational vorgehen, zeichnen sich die Dummen dadurch aus, daß ihren Aktionen jeglich Rationalität fehlt. Darin liegt zugleich ihre größte Gefahr, denn es lassen sich weder Ort noch Zeit noch Art derartiger Handlungen vorhersagen. Deshalb ist es auch unmöglich, dagegen vorzugehen. Deshalb bemerkte schon Schiller, daß selbst die Götter vergeblich gegen die Dummheit kämpfen.
Im Gegensatz zu den Altruisten, den Intelligenten und den Banditen fehlt den Dummen auch jegliches Bewußtsein darüber, zu welcher Kategorie sie gehören. Dies verstärkt noch die Durchschlagskraft und Effizienz ihrer Handlungen.
Das Problem der Altruisten besteht darin, daß sie die von den Dummen ausgehen den Gefahren nicht erkennen. Darin liegt geradezu ihre Unbegabtheit. Leider unter schätzen auch die Intelligenten und selbst die Banditen diese Gefahren. Gerade Banditen unterliegen mitunter der Versuchung, sich der Dummen für ihre Zwecke zu bedienen. Dies kann nicht gut gehen, da ein solches Vorgehen auf dem totalen Unverständnis der essentiellen Natur der Dummheit beruht und da weiterhin den Dummen nur weiterer Spielraum für die Ausübung ihrer Talente eingeräumt wird.
Fassen wir dies zusammen:
Der 4. Hauptsatz der Stultologie:
Die nicht-dummen Individuen unterschätzen stets das Schadenspotential der Dummen. Insbesondere führt jeder Versuch, sich mit Dummen zu beschäftigen oder zu assoziieren, unweigerlich zu immensen Verlusten.
Der 5. Hauptsatz der Stultologie:
Die Dummen sind die Gefährlichsten.
Corollar:
Die Dummen sind gefährlicher als die Banditen.
An diesem Punkt muß man sich fragen, wie eine Gesellschaft überhaupt überleben kann und worauf Aufstieg und Fall zurückzuführen sind. Fügen wir in unser Dia gramm eine Diagonale ein, so teilt sie die Individuen (bzw. ihre Handlungen) ein in solche, die insgesamt einen Nutzen bringen (rechts oberhalb) bzw. einen Schaden verursachen (links unterhalb).
Gewinn der Gesellschaft
* |
* |
Altruisten | Intelligente
* |
-----------+----------- Gewinn des Individuums
| *
Dumme | Banditen
| *
| *
Nachdem der Anteil SIGMA der Dummen in der Bevölkerung eine Naturkonstante ist, kann das Schicksal eines Landes nicht von den Dummen abhängen. Eine negative Entwicklung kann daher nur zwei Ursachen haben: a) Den Dummen wird zuviel Spielraum eingeräumt
b) Die Zusammensetzung der nicht-dummen Individuen ändert sich
So führt eine Zunahme der Intelligenten auf Kosten der Banditen und Altruisten zu einer Aufwärtsentwicklung, während eine Zunahme der Banditen und Altruisten (= Unfähigen) zu einer Abwärtsbewegung führt, insbesondere wenn diese sich unterhalb der Diagonalen ansiedeln. Letztere Entwicklung stärkt unweigerlich die destruktiven Kräfte der Dummen und führt dazu, daß das Land ruiniert wird.
